Langsam wird die Hornhaut zwischen Hals und rechter Schulter, die sich nach über 15.000 km bildet, dicker. Doch jetzt sollte sie weiter wachsen, denn bei unserer nächsten Fahrt sollte noch ein Batzen an Kilometern dazu kommen. Wir planten durch die Nullarbor Ebene zu fahren. Diese Ebene ist ein riesiger Kalkstein (knapp 200.000 qkm) und dadurch versickert das Wasser sehr schnell und kein Baum wächst hier. Nullarbor heißt übrigens übersetzt “kein Baum”. Außerdem gibt es hier mit 146,6 km die längste gerade Straße in Australien. Aber auch die Straßen davor und danach sind sehr gerade und sehr lang.
Diese Strecke von Ost nach West zu fahren ist für einen Australier eher genauso ungewöhnlich wie als HSV-Fan mit HSV Magnetschildern am Auto durch Bremer – Land zu fahren (okay, dass habe ich auch schon gemacht). Nein, die Strecke ist einfach nur sehr, sehr lang. Man muß zweimal übernachten um sie zu durchfahren und die Roadhouses wissen von Ihrer strategischen Position und nutzen dies durch hohe Preise insbesondere bei kurzfristiger Buchung gnadenlos aus.
Das Nullabor Roadhouse war unsere erste Übernachtung und hat den Charme eines Landschulheims der 80ziger, nur, dass hier nicht so viel los ist. Wir (Kerstin) hatten zum Glück schon sehr rechtzeitig ein Zimmer reserviert. Unsere Nachbarn waren Vater und Tochter, die wir schon beim Schnorcheln mit den Seelöwen kennengelernt haben. Sie wollten eigentlich im Zelt übernachten, die wohl “sauberste” und günstigste Möglichkeit, aber es gab eine Schlangenwarnung. Das Wetter wäre jetzt so warm, dass die Schlangen sich jetzt sehr gerne schattige Plätze suchen würden, z.B. Zelte. Auch bei uns hing an der Zimmertür ein Warnschild, dass man immer die Tür schliessen sollte, da sie sonst gern ins Zimmer kommen.
Das schöne ist, hier kann man die Giftschlangen sehr einfach erkennen. Da es hier in der Gegend keine ungiftigen Schlangen gibt, ist jede Schlange, die man trifft eine Giftschlange. Wichtig, fand ich auch den Hinweis, man solle sie nicht anfassen und hinaustragen sondern Hilfe holen, wobei einer am “Objekt” stehen bleiben soll, falls sich die Schlange weg bewegen sollte.
Somit haben die beiden sich kurzfristig entschlossen hier im Roadhouse zu übernachten und dafür den 4 (vier) fachen Preis von unserem bezahlt. Und unser Preis war schon nicht günstig, aber man hat halt keine Wahl. Die Nacht durchzufahren ist keine Option, da auf den Straßen einfach viel zu viele Tiere sind, die Nachts die Wärme des Asphalts suchen.
Auch das Benzin ist um 1/3 teuerer bei den Roadhouses. Man fährt durch sehr plattes Land, aber man realisiert gar nicht, dass man nur wenige km, manchmal nur wenige Meter an der wirklich schönen Steilküste Südaustraliens langfährt. So hatten wir das Glück auf das Nest von einem Fischadler gucken zu können. Wenn man genau hinschaut sieht man auch einen Jungvogel im Nest 🙂
Bei der zweiten Etappe kamen dann wirklich schöne Lookouts, wo man sich weitere Stellen der Steilküste anschauen konnte. Wow, wirklich beeindruckend! Wir fuhren an div. Roadhouses vorbei und waren glücklich, dass wir dort nicht übernachten würden. Unser Roadhouse war das vorletzte auf der Route. Das letzte war leider schon ausgebucht. Unseres konnte man auch nur telefonisch buchen. Es hat keine Internetpräsenz geschweige denn, es wäre bei booking.com oder anderen Portalen geführt. Übrigens Internet hat man in der gesamten Zeit auch nicht. Selbst die Roadhouses bieten keins für gutes Geld an. Hier ist man wirklich im Nirvana.
Zurück zur Unterkunft. Im Nachhinein ist es verständlich, dass man es nicht elektronisch buchen kann, denn alle diese Portale bieten auch an, die Unterkünfte zu bewerten. Diese Unterkunft hätte mit Sicherheit einen negativen Score. Ich habe mir nicht die Frage gestellt, woher die Flecken auf dem Teppich kommen würden oder wie sie es schaffen, dass das Loch an der Ecke in der Matratze und im Laken immer wieder an der gleichen Stelle wären.
Wir gingen dann noch raus und setzen uns vor die “Bar” und beobachteten so die Welt um uns herum.
Es hielt ein Auto. Der Fahrer führte sein Hund Gassi und pinkelte mit Ihm gleichzeitig in die Natur und dies ca. 150m entfernt von einer öffentlichen Toilette. Ein gar nicht orientalisch aussehender Mann stieg mit einem Art Schlafkleid aus seinem SUV ging auf die reguläre Toilette und wir fragten uns was die Bewandtnis hinter seiner Kleidung wäre… Das war Reality-TV live!
Kerstin entschied sich etwa zu Essen zu bestellen, ich wollte lieber bis morgen mit dem Essen warten. Nachdem Kerstin den ersten Bissen getätigt hatte, ich fand es mutig, wollten wir BEIDE erst morgen wieder etwas essen.
Am nächsten Morgen richtig früh ging es dann weiter und wir genossen, das schöne Morgenlicht, den tollen Himmel und die wieder mehr interessante Landschaft. Wir sahen dann auch mehrere Adler am Himmel ihre Kreise ziehen. Aber wir sollten noch ein Exemplar ganz nah sehen können. Denn am Straßenrand sass ein Keilschwanzadler an einem Känguru, welches wohl in der Nacht angefahren worden ist. Dieser Adler ist ca. so groß wie unser Steinadler, d.h. er hat eine Körperlänge von ca. 1m und eine Flügelspannweite von 2,3 m. Für einen sehr kurzen Moment dachte ich an ein Vollbremsung, habe mich dann aber doch dagegen entschieden. Ich drehte dann um ihn noch zu fotografieren.. aber leider kamen wohl zu viele Autos bereits vorbei, so dass ich ihn etwas abseits in der Natur erspähte. Was für majestätische Tiere!
Würde ich noch einmal die Strecke fahren? Nein! Aber das eine Mal hat sich wirklich gelohnt!
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